Das neue Trassenbuch: Abenteuer Erdgastrasse Teil 1: Südwest-Ukraine von Thomas Burow

 

Leseprobe aus Kapitel 8 " Karstlanschaften"

...Die Nachtschicht hatte am Rohr sämtliche Stellen, welche keine Bodenberührung hatten mit Isolierfolie zugewickelt. Kurz nach 8.00 Uhr näherte sich eine ,,TATRA 813" vom Gewerk ,,Schwerlast" unserer Baustelle. Der Vierachser aus der CSSR schleppte mit lautem Geheul einen Tieflader mit einer KOMATSU D355 heran und hielt neben unseren Wagen. Neben dem Fahrer saß der Maschinist des Rohrlegers. Beide kletterten aus der geräumigen Kabine der TATRA.
“Seid ihr die Handisolierer von Frank K.?" fragte der TATRA-Fahrer mit unverkennbarem erzgebirgischen Dialekt. „I bring eich die versprochne KOMATSU." Da ohnehin schon Frühstückszeit war, luden wir die Beiden zum Kaffee  ein. Der TATRA-Fahrer hieß Siegfried, genannt ,,Spillmeier". Der hoch gewachsene, athletische Mittvierziger musste den Kopf einziehen, als er den Aufenthaltswagen betrat. Spillmeier stammte aus Antonsthal bei Schwarzenberg und war schon ein halbes Jahr vor mir eingereist. Den KOMATSU-Fahrer kannten wir bereits vom Ansehen. Er war der krasse Gegensatz von Spillmeier: Klein und zierlich. Das Größte an ihm war sein riesiger Vollbart, deshalb nannten ihn alle “Rumpelstilzchen", oder aus Faulheit auch nur ,,Rumpel".

Beide staunten über die beispielhafte Ordnung und den Komfort in unserem Bauwagen. Als ,,Einzelkampfer" wurden sie oft an den verschiedensten Standorten der Trassenabschnitte eingesetzt und waren mehr oder weniger ,,Gäste" bei den jeweiligen Brigaden. Meist übernachteten sie in den Wohnlagern, welche sich in der Nähe ihres Einsatzortes befanden.  Im Gegensatz zu uns lebten sie fast wie Zigeuner. Nach dem Frühstück kraxelte Rumpel mühsam zum Rohrleger auf dem Tieflader hinauf. Der Anlassmotor der KOMATSU knatterte los wie eine Motorkettensäge und wenige Sekunden später rülpste der 360 PS-Motor einige schwarze Rauchwolken aus dem dicken Auspuffrohr. Die Abdeckklappe wackelte, signalisierend, dass der Motor jetzt rund lief. Bis zu 92 Tonnen konnte diese japanische Baumaschine an den Haken nehmen! Rumpel gab Gas. Der Rohrleger ruckte an und fuhr langsam bis zur Seitenkante des Tiefladers, einem so genannten ,,Eisenschwein". Die, mit dem enormen Gewicht des Fahrers, fast 58 Tonnen schwere Maschine kippte nach vom, drückte die Räder des Eisenschweins auf dieser Seite fast in den Boden, wahrend die Räder auf der anderen Seite in die Luft schnellten. Schließlich griffen die Gleisketten und die KOMATSU plumpste auf den Boden.

Erleichtert seufzten die Federn des Eisenschweins auf. Spillmeier verabschiedete sich schnell: auf ihn wartete bereits die nächste Fuhre...